Einbetoniertes Bekenntnis der Stadt zum Nazi-Dichter Weinheber

2013 wurde das grotesk massive Fundament des Weinheber-Denkmals freigelegt, das Stadtgartenamt schüttete die Mulde zu. Nun erfolgt die dauerhafte Umgestaltung.
Das Projekt „Weinheber ausgehoben“ darf endlich realisiert werden: Der Sockel des Weinheber-Denkmals wird freigelegt

Es hat beinahe ein Jahrzehnt gedauert. Und anderem wohl auch deshalb, weil Michael Häupl, viele Jahre Bürgermeister von Wien, zum antisemitischen Hitler-Verehrer Josef Weinheber stand. 2010 sagte er zum Beispiel: „Wer Ottakring verstehen will, muss ausführlich Weinheber gelesen haben.“

Doch nun ist Häupl in Pension - und Veronica Kaup-Hasler, seit genau einem Jahr parteiunabhängige Kulturstadträtin, hatte keine Einwände: Am kommenden Freitag, den 7. Juni, wird die Umgestaltung und Kontextualisierung des Weinheber-Denkmals am Schillerplatz der Öffentlichkeit übergeben.

Josef Weinheber war zunächst skeptisch, schließlich aber ein glühender Nationalsozialist: Der Lyriker, 1892 in Ottakring geboren, trat bereits 1931 der NSDAP bei. Seinen anfänglichen literarischen Misserfolg begründete er mit der „jüdischen Unterwanderung des österreichischen Kulturbetriebs“, als Präsident der Vereinigung bodenständiger Künstler bezeichnete er den „Dreivierteljuden“ Hugo von Hofmannsthal und den „Volljuden“ Stefan Zweig als „landfremde Minderheiten“ und „Rassenfeinde“. Nach dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich 1938 beteiligte er sich mit einem Beitrag am „Bekenntnisbuch österreichischer Schriftsteller“, er verherrlichte den „von Gott gesandten Führer“ und rühmte dessen Machwerk „Mein Kampf“.

"Liste der auszusondernden Literatur"

1941 erhielt Weinheber, der unter anderem eine „Ode an die Straßen Adolf Hitlers“ verfasste, aus der Hand von Propagandaminister Joseph Goebbels den Grillparzer-Preis, er wurde zum wichtigsten Lyriker Nazi-Deutschlands. Und Ende August 1944, als die Niederlage des Dritten Reichs bereits absehbar war, nahm der Führer den Verse-Schmied in die Gottbegnadeten-Liste auf, was diesen vor einem Arbeitseinsatz im Kriegsdienst bewahrte. Am 8. April 1945, wenige Tage vor dem Eintreffen der heranrückenden Russen, verübte Weinheber Selbstmord. In der sowjetischen Besatzungszone wurden dessen Oden „Blut und Stahl“ (1941) auf die „Liste der auszusondernden Literatur" gesetzt.

Dennoch sah die Stadt Wien keinen Grund, sich von ihrem „Heimatdichter“ zu distanzieren: Sein Andenken wurde hochgehalten – nicht nur auf Bezirksebene, eben in Ottakring, sondern auch am Schillerplatz, gleich neben der Akademie der bildenden Künste. Das dortige Weinheber-Denkmal wurde am 21. Juni 1975 enthüllt. Eine Besonderheit stellt die Büste dar: Der NS-regimenahe Bildhauer Josef Bock schuf sie 1940, als Weinheber den Zenit seiner Bedeutung erlangt hatte.

Das Denkmal war in den folgenden Jahren Ziel von Eingriffen: Auf den Sockel wurden antifaschistische Parolen geschmiert, wiederholt wurde die Büste demontiert und entwendet. 1991 entschloss sich die von den Sozialdemokraten regierte Stadt zu einer Umgestaltung: Man transferierte die Büste auf einem polierten, leicht zu reinigenden Granitsockel, und dieser erhielt ein in das Erdreich eingelassenes, rund ein Kubikmeter großes Fundament aus Beton. Die Stadt zementierte mit dieser Maßnahme ihr Bekenntnis zu Weinheber förmlich ein.

Die Plattform Geschichtspolitik der Akademie, eine Gruppe von Studierenden und jungen Lehrenden, setzte sich ab dem Herbst 2009 mit dem Weinheber-Denkmal auseinander – auch deshalb, weil Weinheber 1942 zum Ehrenmitglied der Akademie ernannt worden war. Eine erste Intervention erfolgte im Mai 2010. Die Vorschläge, das Denkmal umzugestalten oder zumindest zu kontextualisieren, wurden von der Stadt rundweg abgelehnt.

Drei Mitglieder der Plattform – Chris Gangl, Eduard Freudmann und Tatiana Kai-Browne –  entschlossen sich daher zur Tat: Am 28. Juni 2013 legten sie, unterstützt von Kolleginnen und Kollegen, ohne behördliche Bewilligung das grotesk massive Betonfundament frei und die Mulde mit Rollrasen aus, den Eva Blimlinger, die Rektorin der Akademie, privat gespendet hatte.

"Metapher für die große Wunde"

Der Schriftsteller Josef Haslinger sah die kleine Wunde in der Grünfläche des Schillerplatzes als „Metapher für die große Wunde, die der Nationalsozialismus in der österreichischen Geistesgeschichte hinterlassen“ habe. Die gewitzte Intervention „Weinheber ausgehoben“ blieb jedoch nur übers Wochenende bestehen: Das Stadtgartenamt schüttete die Mulde wieder zu. Ein Argument damals war, dass ein lieber Augustin nächtens ins Loch fallen und sich verletzen könnte. Der Rollrasen wurde übrigens wiederverwendet. Es brauchte daher kein Gras über die Sache zu wachsen.

Der damalige Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) meinte in der Folge, dass eine Umsetzung sehr wohl denkbar sei, aber nur gemeinsam mit der ausgelagerten Institution KÖR (Kunst im öffentlichen Raum). Eduard Freudmann und seine Mitstreiter – beteiligt waren im Lauf der Jahre neben Gangl und Kai-Browne auch Gabu Heindl, Katharina Morawek und Philipp Sonderegger – reichten daher ihr zuvor abgelehntes Projekt nochmals ein, die von KÖR eingesetzte Jury beurteilte es Ende Februar 2014 positiv. Im Jänner 2016 gab KÖR auf Nachfrage des KURIER bekannt, dass nach Vorlage aller „benötigten Genehmigungen durch den Antragsteller“ eine Auszahlung der zweckgewidmeten Förderung erfolgen könne.

"Von den Behörden im Kreis geschickt"

Dass sich das Projekt aber nicht mit 5.000 Euro (nun 6.000 Euro) finanzieren lässt, musste allen Verantwortlichen  in der Stadt klar gewesen sein. Und das Einholen der Bewilligungen stellte sich, so Freudmann, als „unfassbar arbeitsaufwendiger Vorgang“ heraus. Es brauchte unter anderem das Okay von den Magistratsabteilungen 7 (Kultur), 19 (Stadtgestaltung), 37 (Baupolizei) und 42 (Stadtgärten), des Denkmalamts, der Umweltstadträtin und des 1. Bezirks. „Wir wurden von den Behörden im Kreis geschickt.“ Die Taktik lautete: „Wir stimmen nur dann zu, wenn eine Zustimmung von Behörde X vorliegt.“

Das Team ließ sich aber nicht entmutigen, auch Blimlinger setzte sich ein. Erst ab 2017 wurden keine Steine mehr in den Weg gelegt. Die Rektorin resümiert: „Es freut mich, dass Kaup-Hasler den Weg frei gegeben hat und sich vor Gegenwind von Weinheber-Gesellschaft und anderen nicht fürchtet.“

Es fehlte noch das Geld. Auf Nachfrage bei KÖR habe sich, so Freudmann, herausgestellt, dass die Summe als Teilförderung zu verstehen sei: „Es läge an uns, sich nach weiteren Sponsoren umzutun.“ Da die Plattform Geschichtspolitik die Umgestaltung des Denkmals – die Gesamtkosten dürften bei 22.000 Euro liegen – aber als Aufgabe der Stadt erachtet, habe sie nicht nach Sponsoren gesucht. Blimlinger sicherte schließlich zu, den fehlenden Betrag für die Realisierung des Kunstwerks aus Drittmitteln der Akademie zu finanzieren: „Es freut mich, dass Veronica Kaup-Hasler den Weg frei gegeben hat und sich vor Gegenwind von Weinheber-Gesellschaft und anderen nicht fürchtet.“

Und so kam es nun zu Realisierung. „Künstlerisch gesehen besteht zur Intervention von 2013 kein Unterschied“, erklärt Gabu Heindl. Es wird lediglich die durch die Freilegung entstandene Mulde drainagiert, damit das Regenwasser problemlos abfließen kann. Und eine Zusatztafel, in Kooperation des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien mit der Stadt entstanden, informiert über Weinhebers Biografie wie die Geschichte des Denkmals. Denn die Langwierigkeit der Verhandlungen mit den Behörden und der öffentliche Diskurs ist natürlich auch – wie der Eingriff am Denkmal selbst – als Teil des Kunstwerks zu verstehen.

Die Übergabe an die Öffentlichkeit findet am 7. Juni um 10 Uhr am Schillerplatz statt. Reden werden - neben Freudmann und Heindl - KÖR-Geschäftsführerin Martina Taig, Rektorin Blimlinger, Stadträtin Kaup-Hasler und Schriftstellerin Marlene Streeruwitz.

 

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